Arzneimittel - Angebliche Kindersicherung bietet kaum Schutz


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Für viele Arzneimittel ist eine besondere Kindersicherung vorgeschrieben, damit Kinder die Verpackung nicht öffnen und zu Schaden kommen können. Eine PLUSMINUS-Stichprobe belegt, dass dieser Schutz zum Teil recht lax gesehen wird.

Eigentlich schien es für den dreijährigen Anes und seine Mutter ein ganz normaler Tag zu werden. Der Kleine spielte in seinem Zimmer, während die Frau Mama in der Küche zugange war. Doch dann griff der Junge zu einem Fläschchen Allergietropfen. Innerhalb von Sekunden öffnete er den Verschluss und trank von dem Mittel. Für die Mutter, Hatidza Causevic, war es ein Schock, ihren Sohn mit dem Medikament zu entdecken. Schließlich wusste sie nicht, ob und wie viel er von der Arznei eingenommen hatte - und bei einem Kind können diese Tropfen in hoher Dosierung zu Krämpfen und Herzrhythmusstörungen führen. Letztendlich ist für Anes alles gut ausgegangen, er hat nur wenig von dem Antiallergikum geschluckt und keine Schäden davongetragen. Dennoch, der Mutter bleibt der Schreck und die Verärgerung über die mangelnde Kindersicherung. Zwar ist es ihre Aufgabe, Medikamente sicher aufzubewahren, doch immer ließe sich das nicht garantieren.
Veraltete Liste

Immer wieder werden Kinder mit Verdacht auf Vergiftung in Krankenhäuser eingeliefert. Doch wie kann es angehen, dass gefährliche Medikamente nicht kindersicher verpackt sind, ein Ausnahmefall? Gemeinsam mit einem Experten für Verpackungsmaterialien machen wir uns in einer Apotheke auf die Suche. Von Augentropfen über Asthmamittel bis hin zu Blutdrucksenkern, überall finden wir nicht kindersichere Verpackungen, sogar bei verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Dabei ist die Kindersicherung für Medikamente mit gefährlichen Inhaltsstoffen per Verordnung vorgeschrieben. Wir machen die Stichprobe mit dem Blutdruckmittel Clonidin, der Wirkstoff befindet sich nicht auf der Liste - und wir stellen noch etwas fest: Die heute noch gültige Fassung stammt aus dem Jahr 1984 und ist damit völlig veraltet. Rund 70 Prozent der Wirkstoffe, die laut Giftinformationszentrum mittlere bis schwere Vergiftungen verursachen, stehen nicht auf der Liste. Die verantwortliche Behörde will vor der Kamera keine Stellung nehmen, gibt aber zu, die Liste seit den 80er-Jahren nicht aktualisiert zu haben. Vielmehr würde man im Einzelfall bei der Zulassung neuer Medikamente darüber entscheiden. Weiter heißt es: "Im Übrigen möchten wir darauf hinweisen, dass es sich bei einer Anordnung, eine kindergesicherte Verpackung zu benutzen, um einen belastenden Verwaltungsakt handelt." Weil es zu aufwendig ist, dürfen Hersteller gefährliche Medikamente ungesichert auf den Markt bringen?

Im Praxistest problemlos zu öffnen

Wie einfach Kinder die Verpackungen tatsächlich öffnen können, wollen wir in einer weiteren Stichprobe testen. Dazu kaufen wir verschiedene Arzneimittel ein, leeren die Verpackungen sicherheitshalber aus und füllen wirkungslose Tabletten ein. Drei Kindergartenkinder sollen dann versuchen, die Schraubverschlüsse aufzubekommen. Schon nach wenigen Sekunden haben das alle geschafft. Auch beim nächsten Medikament, einem Beruhigungsmittel, das bei Kindern zum Koma führen kann, schaffen es drei von vier Kindern in weniger als einer Minute. Nur ein Verschluss widersteht den Kindern, hier wurde ein kindersicherer Deckel verwendet, den man zugleich drücken und drehen muss.

Dann kommen Tabletten an die Reihe. Alle Produkte enthalten Wirkstoffe, die auf der Liste stehen. Eine Kindersicherung ist hier also nicht freiwillig, sondern Pflicht. Erschreckendes Ergebnis: Unsere Tester überwinden auch diese Verpackungen meist kinderleicht. Wir wollen von den Herstellern eine Erklärung und erhalten von allen die gleiche Rechtfertigung: Man würde die vorgegebene Norm für Kindersicherheit erfüllen. Damit machen sie es sich einfach. Rolf Abelmann vom Institut VerpackungsMarktforschung erklärt, dass die Norm für entsprechende Verpackungen in Frage zu stellen sei. Sie gelten auch dann noch als kindersicher, wenn bis zu acht Tabletten entnommen werden könnten. Es gebe aber verschiedene Wirkstoffe, bei denen bereits die Einnahme einer Tablette für Kinder gefährlich sein kann. Viele Kinder geraten also unnötig in Gefahr, solange die Zulassungsbehörde weiterhin die Augen verschließt.

Quelle: www.daserste.de

Adressen & Links

Giftinfozentralen im Bundesgebiet
www.giftinfo.uni-mainz.de

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
www.bfarm.de

Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder
www.kindersicherheit.de

Aktion Das sichere Haus
(Deutsches Kuratorium für Sicherheit in Heim und Freizeit)
www.das-sichere-haus.de
Broschüre: Vergiftungsunfälle bei Kindern (PDF)